Mehr Mehrweg – Ein Plädoyer für echten Verpackungskreislauf
Diesen Grundsatz würde ich mir nicht nur für unser Resi-Sortiment wünschen, sondern auch und vor allem für jeden Supermarkt, Discounter und Bioladen. Denn Mehrweggläser und -flaschen sind in jedem Fall die nachhaltigere Alternative zu Einweg. Aber schauen wir uns das mal ganz genau an:
- Energieaufwand: Gläser und Flaschen, die im Kreislauf bleiben, werden bei einer Temperatur von 80 Grad gespült. Um neues Glas herzustellen wird selbst bei einem Gemenge mit hohem Altglasanteil eine Temperatur zwischen 1.400 und 1.600 Grad Celsius benötigt.
- Wasserverbrauch: Mehrweggläser werden mit einer Natronlauge gereinigt. Pro Glas oder Flasche benötigt man heutzutage etwa 120 – 250 ml Wasser. Aber auch Einweggläser – also Altglas bzw. Scherben – werden in Wasserbädern gereinigt, bevor sie zur Herstellung von neuem Glas verwendet werden.
- Transportemissionen: Oft denken wir, dass der Mehr-Weg im Wortsinn, also die Kilometer, die ein Glas zurück legt, schädliche Treibhausemissionen freisetzt, wenn es von A nach B und zurück gefahren wird. True – aber auch Altglas dematerialisiert sich nicht und muss vom Altglascontainer zur entsprechenden Recyclinganlage transportiert werden.
- Effizienz: Für uns Konsument:innen allerdings bedeutet Mehrweg einen Weg weniger – wir sparen uns nämlich den Weg zum Container, denn zum Einkaufen und somit zur Rückgabestation für unsere leeren Gläser und Flaschen müssen wir ja sowieso.
Die Vorteile von Mehrweg liegen also eindeutig auf der Hand. Wichtig hierbei ist, dass es sich um standardisierte Gläser und Flaschen handelt, damit sie möglichst unkompliziert überall zurückgegeben werden können. Als Ladnerin kann ich außerdem sagen, dass es sehr viel einfacher ist, wenn ich nur wenige Tragerl fürs Leergut hinter der Theke verstecken muss, in das einfach alle Marken und Labels gestellt werden können.
Vorbild Bier – eine Flasche, viele Etiketten
In Deutschland funktioniert Mehrweg bei Bier wirklich vorbildlich. Jede:r weiß, dass eine leere Bierflasche zurückgegeben werden kann. Die Flaschen, egal, von welcher Brauerei sie kommen, sind alle gleich: Leergut aus Hamburg kann in München abgegeben und mit hiesigem Bier wiederbefüllt werden. Einheitlichkeit der Flaschen, Individualität lediglich auf dem Etikett, sodass der bundesweite Mehrwegpool funktioniert.
Ähnlich gut funktioniert es bei Saft, Mineralwasser und Joghurt.

Warum dann nicht bei Marmelade? Bei Ketchup, Senf, Suppe, Wein?
Diese Frage haben sich glücklicherweise viele unserer Lieferant:innen gestellt und die Unverpacktbranche hat mit dem ersten Nicht-Molkerei-Produkt im Mehrwegglas – Passata – echte Pionierarbeit geleistet. Mittlerweile gibt es all die oben genannten Produkte (und noch viel mehr) in den Regalen von Unverpacktläden in standardisierten Mehrweggläsern und -flaschen. Aber wirklich aus den Vollen schöpfen können wir noch nicht. Unser Verband engagiert sich, Circujar engagieren sich, unser Großhändler Ökoring engagiert sich und wir hoffen, dass hier im Lebensmitteleinzelhandel ein echter Wandel stattfinden wird.
Alles eine Frage der Zeit
Gerade in Zeiten wie dieser, in der uns an jeder Tankstelle vor Augen geführt wird, wie hoch der Preis für fossile Energieträger ist, ist die Produktion von Neuglas teuer (wir erinnern uns: es benötigt um die 1.500 Grad Celsius und somit richtig viel Erdgas). Mehrweggläser hingegen können bis zu 50 Mal wiederverwendet werden und bieten echtes Sparpotenzial. Aber nicht nur Geld, sondern auch und vor allem Treibhausemissionen werden eingespart: laut einer aktuellen Nabu-Studie bietet „Einweg- durch Mehrweggläser zu ersetzen, (…) ein signifikantes Potenzial, Treibhausgasemissionen von Glasverpackungen zu reduzieren – trotz zusätzlicher Prozessschritte für die Logistik und Aufbereitung der Mehrwegverpackung“.
Ein ganz konkretes Beispiel: Sauerkraut. Stellen wir uns mal vor, wir würden ab sofort jedes in Deutschland gekaufte Einwegglas Sauerkraut durch Mehrweg ersetzen. Wir futtern davon etwa 50.000 Tonnen im Jahr – und könnten damit satte 11.000 Tonnen CO2-Äquivalente einsparen. Nur durch ein einziges Produkt. Deshalb lautet sowohl unsere, als auch die Nabu-Empfehlung ganz klar: „Dem Klima zuliebe sollte Glas als Mehrweg- statt als Einwegverpackung genutzt werden.“

Was kann ein Einzelner schon bewirken?! …Fragte sich die halbe Menschheit.
Was wir wirklich tun können, ist Mehrweg fördern und wann immer es geht zu Produkten in Mehrweg greifen. Bewusstsein schaffen, in Geschäften nachfragen, Produzentinnen, die wir kennen, darauf ansprechen, Emails an unseren Lieblingshersteller schreiben. Damit echte Kreislaufwirtschaft auch im Lebensmitteleinzelhandel ankommt und der Umgang mit Verpackungen nicht erst beim Recycling anfängt, sondern bei Vermeidung und Wiederverwendung. Und damit Mehrweg wie selbstverständlich (wieder) in unsere Vorratsschränke einziehen kann.




